Oya Baydar: Verlorene Worte

Oya Baydars Türkei-Roman „Verlorene Worte“ ist ein repräsentatives Buch. Das ist seine Stärke und Schwäche zugleich.

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Wenn es in der Türkei so etwas wie die Toskana-Fraktion gäbe – Ömer Eren wäre ein typischer Vertreter. Ein Intellektueller Mitte fünfzig. Nach rebellischen Jugendjahren milde geworden, ausgestattet mit allen Insignien des Erfolgs, Vermögen, junge Geliebte, Selbstgefälligkeit und dem leisen, manchmal mit Alkohol betäubten Gefühl, über das Beste hinaus zu sein.

Es gab nie eine Toskana-Fraktion in der Türkei, viele linke Aktivisten wurden nach dem Militärputsch von 1980 gefoltert und ermordet, manche gingen nach Deutschland ins Exil. Wie Oya Baydar, die in ihrem Roman „Verlorene Worte“ die Figur des Ömer Eren erfunden hat. Er ist Schriftsteller wie sie, ausgezeichnet mit vielen Preisen wie sie. Aber er ist um mehr als ein Jahrzehnt jünger als seine 1940 geborene Schöpferin. Er gehört nicht zu den alten Kämpfern, die ihr Leben aufs Spiel setzten. Jetzt hat er ein schlechtes Gewissen angesichts des anhaltenden Krieges, den sein Staat gegen die Kurden im Südosten des Landes führt. Und er hat eine Schaffenskrise.

Beides verbindet Oya Baydar in ihrem Roman sehr geschickt miteinander. Ömer Eren fährt in eine kurdische Kleinstadt, um seiner von Phrasen ausgelaugten Sprache eine Wirklichkeitsspritze zu injizieren. Natürlich kommt es anders. Ömer Eren findet keine Worte, aber eine neue Liebe oder die Illusion davon.

Oya Baydar begleitet ihre Protagonisten mit sanftem Blick. Sie ist keine, die ihre Figuren der Ironie aussetzt. Denn immerhin, ihre Figuren sind auf der Suche – nach der Begegnung zwischen Menschen, nach „Identität“. Dieses Schlüsselwort der linken Bewegungen erfährt in Oya Baydars Roman unablässig Würdigung. Der Kampf um die „Identität“ ist es, die den kurdischen Studenten zur Gewalt treibt. „Identität“ will auch der verlorene Sohn des berühmten Schriftstellers. Seine Eltern sind in ihrem Wahn nach Bedeutung sogar bereit, den Sohn als Kriegsfotograf in den Irak ziehen zu lassen. Obwohl er nichts anderes will als ein einfaches, ruhiges Leben. „Das Glück der Schweine“, nennt das die Mutter, eine erfolgreiche Wissenschaftlerin, einst Kameradin ihres Mannes, als sie „dem Sozialismus hinterhersprinteten.“

„Verlorene Worte“ ist ein repräsentatives Buch. Das ist seine Stärke und Schwäche zugleich. Es stellt etwas dar: viele unterschiedliche, einander übertönende Stimmen in der heutigen Türkei – aber bei der Darstellung übernimmt es sich mitunter und verliert seine eigene. Einem Publikum, das nicht allzu sehr mit den äußerst gewalttätigen Konflikten in der Türkei vertraut ist, stellt „Verlorene Worte“ sehr präzise und verständlich die vielfach in sich gebrochenen politischen Kontrahenten vor. Anhand zweier großer Reisegeschichten: Der berühmte Schriftsteller und ein junges kurdisches Paar treffen zufällig auf dem Busbahnhof von Ankara aufeinander. Eine verirrte Kugel streift den Körper des kurdischen Mädchens, sie verliert das Kind in ihrem Bauch. Der Schriftsteller hat vor Jahren bei einem Terroranschlag in Istanbul seine Schwiegertochter verloren, er kann nicht gleichgültig weitergehen.

Aber das Paar verheimlicht ihm etwas – die Verstrickung des Mannes in die PKK, in die „Organisation“, wie Baydar schreibt. Er ist ein Deserteur, als Rebell während der Kämpfe in den Bergen geflohen, das Mädchen an seiner Seite ist von einem „Ehrenmord“ bedroht. In dieser Gefahr bietet ihnen der Schriftsteller einen Zufluchtsort. Es hilft ihnen wenig. Als sie in höchster Not sind, hat Ömer Erens Handy keinen Empfang – er ist im „östlichsten Osten“, in den Bergen angelangt und er liebt, so sehr „wie noch nie“. Eine junge kurdische Apothekerin mit „rabenschwarzen Haaren, die sich wie überschäumende Bäche kräuseln“, ist Objekt seiner Projektionen, die er immer wieder überprüft. Ist er nicht einer „Sirene“ verfallen, vor denen ihn der Kommandant der Kleinstadt gewarnt hat? Unaufhaltsam gerät der Schriftsteller in den Sog der rätselhaften Frau. Der Irrweg weist in eine der beiden Himmelsrichtungen gen Osten. „Mit Peilung auf den Westen schreiben wir über den Osten“, monologisiert Ören und beschreibt damit die Gespaltenheit, die auch Orhan Pamuk empfindet, allerdings durchaus produktiv.

Die zweite Erzählachse des Romans führt nach Westen – nach Norwegen. Ömers Ehefrau Elif macht sich auf die Suche nach dem verlorenen Sohn Deniz, der nach dem Verlust seiner Frau und dem Scheitern aller beruflichen Anläufe auf eine einsame Insel geflüchtet ist. Einer, der sich selbst als „Lebensdeserteur“ bezeichnet. Der Schandfleck seiner ehrgeizigen, erfolgreichen Eltern. Die Passagen, die Elifs Not mit diesem Sohn beschreiben, gehören zu den bewegendsten des Romans. Hier ist Baydar frei von jener Verlautbarungskünstlichkeit, die andere Dialoge leider so oft beschwert. Schwach ist der Roman dort, wo die Figuren Monologe vor sich hertragen wie Spruchbänder. Vor allem die kurdische Apothekerin Jiyan straft die Bedeutung ihres Namens – „Leben“ – Lügen, indem sie unablässig hohles Pathos von sich gibt.

In den Szenen zwischen Elif und ihrem Sohn, aber auch in der Begegnung zwischen Ömer Eren und dem kurdischen Paar spürt man hingegen den menschlichen Atem der Figuren, jenes „Herz“, von dem in diesem Roman so oft die Rede ist. Wie auch ihr Mann erlebt Elif den eigenen Erfolg als unsicher, ständig muss er nach außen bewiesen werden, selbst vor den einfachen Fischern. Sie kauft dem Enkel ein teures Spielzeugauto – nicht um das Kind zu erfreuen, sondern die Leute zu beeindrucken: „Weil wir Türken sind, seht ihr auf uns herab nicht wahr, ihr dummen kleinen Fischer, ihr! Da könnt ihr einmal sehen! Die teuren Spielsachen, die ihr seit Jahren nicht loswerdet, kaufen wir einfach so, und sogar ohne zu feilschen!“

Die jahrzehntelange Armut und Schwäche eines Landes hat allen, auch den Privilegierten, einen unauslöschlichen Komplex eingepflanzt. Ist er eine der Ursachen der überall lauernden Gewalt? Oya Baydar erklärt nichts mit schlichten Psychologismen. Sie umkreist die Gewalt in diesem Buch empathisch bis zur Schmerzgrenze. Sie beschreibt sie in den Blicken, in den Stimmen, in den Verstörungen des Einzelnen. Das ist eine ihrer größten Stärken, es ist, als schriebe sie dabei gegen die Anonymisierung der Opfer in den Medienbildern an.

— Oya Baydar: Verlorene Worte. Roman, Aus dem Türkischen von Monika Demirel, Claassen, Berlin.

Christina Bylow

Quelle: http://www.tagesspiegel.de/kultur/literatur/rezension-oya-baydar-verlorene-worte/1347230.html

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