Interview mit Bachtyar Ali

Bachtyar Ali – Autor aus Irakisch-Kurdistan

«Normalität haben wir nie gekannt»

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Obwohl er seit 20 Jahren im Exil lebt, ist Bachtyar Ali in seiner Heimat das Mass aller literarischen Dinge. Kein Wunder, dass er auf Stichworte wie Heimat, Exil, Migration ganz eigene Antworten hat.

Interview von Angela Schader

Bachtyar Ali, Sie sind in Irakisch-Kurdistan geboren und aufgewachsen, dorthin orientiert sich auch Ihr literarisches Schaffen. Aber Sie leben mittlerweile seit rund zwanzig Jahren in Deutschland. Was bewog Sie, Ihre Heimat zu verlassen?

Nach Jahrzehnten der Repression haben die irakischen Kurden 1991 faktisch Autonomie erlangt. Da hegten zunächst alle grosse Träume von Demokratie und einer besseren Zukunft. Wir waren ein paar junge kurdische Intellektuelle – hoffnungsvoll und rebellisch; und wir haben die kurdischen Parteien und auch unsere Traditionen und die kulturellen Hintergründe unserer Gesellschaft sehr scharf kritisiert. Bald kam es zu Konflikten mit den Parteien, die sich ihrerseits schon untereinander befehdeten. Dann kam der Bürgerkrieg, brutal und unberechenbar. Das Töten wurde sehr einfach – man konnte jede kritische Stimme zum Schweigen bringen. Unser Leben war akut gefährdet, wir konnten unsere Aktivitäten nicht mehr fortsetzen. Darum mussten wir das Land verlassen.

Und was ist Heimat für Sie?

Wir haben eine sehr blutige und grausame Geschichte. So hatte Heimat für mich immer mit Unsicherheit, Angst und Unvertrautheit zu tun. Deswegen versuchen fast alle meine Figuren, einen anderen Ort zu finden, eine utopische, unreale Welt. Als Autor, als Person habe ich meine Heimat in der Literatur gefunden, obwohl gerade sie uns eigentlich zu Heimatlosen macht. Adorno sagte einmal: «Ich bin ein professioneller Heimatloser.» Ich könnte dasselbe sagen.

Du schreibst ständig, aber du hast kein Buch vorzuweisen – und was ist ein Schriftsteller ohne Buch?

Wie kam es, dass Sie hierzulande so lange auf Ihre Entdeckung warten mussten?

Für das Kurdische gab es lange keine professionellen Übersetzer; das war das einzige, aber entscheidende Hindernis. Vielleicht ist das ein spezifisch kurdisches Problem. Unsere Sprache war immer verboten, wir hatten nie die Freiheit, sie zu gebrauchen; deshalb war es uns wichtiger, auf Kurdisch zu schreiben, als an Übersetzungen zu denken. Aber dann kamen viele Kurden in den Westen, unter ihnen junge Leute, die westliche Sprachen lernen und übersetzen wollten. Mittlerweile haben einige von ihnen das Rüstzeug, um literarische Texte zu übertragen.

War es nicht schwierig, in einem Umfeld zu leben, wo niemand Sie als Schriftsteller kannte?

Ja, das war nicht einfach. Du schreibst ständig, aber du hast kein Buch vorzuweisen – und was ist ein Schriftsteller ohne Buch? Ich sagte immer: «Ich habe elf Romane geschrieben, sechsundzwanzig Bücher veröffentlicht» – und man hat mir nicht geglaubt. Dann hörte ich eben auf, davon zu erzählen.

Den hiesigen Lesern wurden Sie mit dem Roman «Der letzte Granatapfel» vorgestellt. Haben Sie diese Wahl selbst getroffen? Und wenn ja, aus welchem Grund?

Ehrlich gesagt – wenn ich selbst hätte entscheiden können, dann hätte ich nicht dieses Buch ausgewählt.

Sie brechen mein Herz, das ist doch ein fabelhafter Roman! Warum denn?

Vielleicht sehe ich das falsch – aber in «Der letzte Granatapfel» gibt es sehr viele Geschichten, die auf die Gegebenheiten in unserem Land Bezug nehmen. Ich dachte, das kommt vielleicht nicht hinüber, westliche Leser haben möglicherweise andere Erfahrungen, andere Erwartungen an Literatur. In meinen anderen Texten ist die universale Dimension klarer.

Sind weitere Übersetzungen in Arbeit?

Ja, zwei Bücher sind bereits übersetzt: «Die Stadt der weissen Musiker» und «Jamshid Khan»; sie sollten im Herbst 2017 oder 2018 erscheinen. Eigentlich ist geplant, dass nun alle meine Romane ins Deutsche übertragen werden sollen.

«Der letzte Granatapfel» wurzelt in der jüngeren Geschichte Irakisch-Kurdistans, verzweigt sich aber ins Philosophische und Phantastische. Gibt es literarische Vorbilder, die Ihr Schreiben inspirieren?

Natürlich gibt es andere kurdische Erzähler, die ich schätze, aber vor allem hat mich die Weltliteratur stark beeinflusst. Autoren wie Gabriel García Márquez, Salman Rushdie oder Italo Calvino waren meine Leitbilder.

In Ihrer Heimat sind Sie ein geschätzter, ja hochverehrter Schriftsteller. Man nimmt Ihnen den Gang ins Exil also nicht übel?

Nein. Ich habe mich auch immer bemüht, einen intensiven Kontakt mit meinen Lesern zu bewahren. Ich reise jedes Jahr ein- oder zweimal nach Kurdistan, veranstalte Lesungen und diskutiere mit den Leuten. Und natürlich schafft auch das Internet Möglichkeiten. Diese Kontakte sind notwendig, damit ich überhaupt Literatur erschaffen kann. Viele meiner Leser vertrauen mir sogar ihre Geheimnisse, ihre Träume an, und es scheint, dass meine Bücher auch eine Wirkung auf die Menschen ausüben. Einer sagte mir sogar: Hätte ich nicht deine Bücher gelesen, wäre ich vielleicht jetzt beim IS. Natürlich ist es ein unglaubliches Geschenk, wenn das eigene Werk solche Reaktionen auslöst.

Wäre ich nicht in Deutschland gewesen, dann hätte ich alle diese Bücher nicht geschrieben.

Sind Sie da eine Ausnahme, oder hat Literatur in Ihrer Heimat generell einen grossen Stellenwert?

Tatsächlich hat sie bei uns immer noch eine wichtige soziale Funktion. Es gibt ja auch viele geistige Brandstifter: Nationalisten, religiöse Extremisten, sogar Liberale, die Gewalt befürworten. Die Literatur erinnert uns an unsere Gemeinsamkeiten und hilft uns, einander wieder etwas näher zu kommen. Das Interesse für Literatur ist gross, auch für Übersetzungen aus anderen Sprachen. Irakisch-Kurdistan ist kein grosses Land, da leben etwa vier Millionen Menschen. Aber wenn ich ein Buch publiziere, liegt die Erstauflage immer bei zehntausend, und innert acht bis zehn Monaten muss nachgedruckt werden. Das heisst auch, dass ein Autor von seiner Arbeit leben kann.

Und wie wirkt sich die Distanz des Exils auf Ihr Schreiben aus?

Ich empfinde diese Distanz als Notwendigkeit für einen Schriftsteller. Wenn man mittendrin ist, passt man ständig auf, denn in orientalischen Gesellschaften gibt es zahlreiche innere und auch äusserliche Barrieren – moralische und kulturelle Hemmnisse, die man überwinden muss. Wäre ich nicht in Deutschland gewesen, dann hätte ich alle diese Bücher nicht geschrieben. Ich hätte die Ruhe nicht gefunden, meine Heimat so vertieft und auch kritisch anzusehen; und hier kann ich mich auch von der Selbstzensur befreien, die das Leben in unseren Gesellschaften mit sich bringt.

Welche Rolle spielt Deutschland als geistiger Hintergrund Ihres Schaffens?

Deutsche Literatur habe ich schon in meiner Heimat in arabischen oder persischen Übersetzungen gelesen. Goethe und Thomas Mann, Kafka – alles, dessen ich habhaft werden konnte. Natürlich freut es mich, wenn ich hier nun meinerseits Leser finde; mir ist es wichtig, dass nicht nur ein orientalisches Publikum meine Bücher liest. Es wäre wunderbar, wenn sie helfen könnten, das Interesse am Schicksal der Kurden zu wecken.

Sie haben dieses Jahr einen grossen Essay mit dem Titel «Der schöpferische Schrecken» verfasst. Können Sie diese Befindlichkeit umschreiben, die auch hinter Ihrem eigenen Schreiben steht?

Wenn man flieht, dann geschieht das ja immer aus Notwendigkeit. Die Angst und den Schrecken, die uns aus der Heimat vertreiben, tragen wir überallhin mit. Aber dann stellt sich die Frage, ob man immer in diesem Zustand leben soll. Meiner Meinung nach kann man diese Traumata künstlerisch und kreativ behandeln, sie in Gedanken, Bilder oder Texte umsetzen. Immigranten könnten damit auch eine andere Art von Weltsicht vermitteln. Wir Immigranten sind wie ein neues Volk auf dieser Erde, wir haben keine Heimat, keine bestimmte Identität; wir könnten alle diese Begriffe neu definieren und die Erde vielleicht in einen natürlicheren Zustand zurückversetzen, indem wir die bestehenden politischen Grenzziehungen ignorieren.

Aber dieser Weg steht bei weitem nicht allen Flüchtlingen und Migranten offen.

Leider nicht. Und die vielen, die diese Möglichkeit nicht haben, versuchen vielleicht stattdessen, in die Zeit zurückzukehren, die vor der Traumatisierung liegt. Dann besteht die Gefahr, dass sie die Heimat quasi sakralisieren; sie versuchen innerlich immer wieder, dorthin zurückzukommen. Das kann für die Integration sehr gefährlich sein. Darum muss man den Immigranten die Möglichkeit geben, ihre Gesellschaft auch kritisch zu betrachten. Sie sollten sich bewusst werden, dass das, was in ihren Ländern geschieht, auch mit den dort herrschenden Weltanschauungen und Moralvorstellungen zu tun hat. Nur so können sie – sei es hier oder in der Heimat – eine bessere Zukunft finden.

Die Erfahrungen der Migranten können auch in die Ursprungsländer zurückwirken.

Das müsste aber durch Menschen wie Sie vermittelt werden, die aus demselben kulturellen Umfeld kommen.

Das versuchen wir auch. Und man muss sehen: So, wie sich die hiesigen Gesellschaften vor Flüchtlingen fürchten, haben die Flüchtlinge auch Angst vor der westlichen Welt. Wir müssen hier nach beiden Seiten hin arbeiten, und vor allem müssen wir das Wort «Fremdheit» hinterfragen, das zwischen den beiden Gruppen steht. Fremdheit ist letztlich ein sehr relativer Begriff. Wo immer sich zwei Menschen begegnen, sind sie am Anfang Fremde; aber sie können sich nicht ewig fremd bleiben. Als Menschen haben wir viel mehr Gemeinsamkeiten, als wir auf den ersten Blick denken.

Da dominiert derzeit vielerorts eine andere Auffassung.

Leider, denn es wäre dringend nötig, dass sich die Migranten hier angenommen fühlen. Sonst werden sie sich unweigerlich in ihre Erinnerungen zurückziehen, und das kann gefährlich werden; wenn die Religion zu diesem Rückzugsort wird, besteht die Möglichkeit einer Radikalisierung. Die Menschen müssen stattdessen lernen, in einer offenen Gesellschaft zu leben – aber das ist gar nicht so einfach, wenn man aus einer Kultur kommt, wo man derart viele rote Linien im Kopf hat. Umgekehrt muss ich aber auch betonen, dass diese Erfahrungen in die Ursprungsländer zurückwirken können. Viele Kurden, die aus Europa in die Heimat zurückgekehrt sind, haben positive, westlich-demokratische, säkularistische Werte mitgebracht und beträchtlichen Einfluss auf unsere Gesellschaft ausgeübt. Es ist wichtig, dass der Westen diesen Prozess stärkt und unterstützt.

In Ihrer Heimatregion wird wieder gekämpft, ganz allgemein liegen die kurdischen Gebiete im Herzen des Flächenbrands, der sich in der Region ausbreitet. Ist Ihr Volk heute gefährdeter denn je?

Die heutigen Bedrohungen – etwa durch die Entwicklungen in der Türkei – waren immer da; wir waren immer ein Volk im Ausnahmezustand. Normalität, wie sie für so viele andere Völker selbstverständlich ist, haben wir nie gekannt Aber wir dürfen nicht länger in der Opferrolle verharren; wir müssen eine andere Art von politischer Botschaft aussenden, eine Botschaft, die demokratischer und menschlicher ist als die der anderen. Der Krieg gegen den Islamischen Staat hat uns grosse Schwierigkeiten gebracht, wirtschaftlich und auch politisch; aber in gewisser Hinsicht hat er auch eine positive Dimension, weil das Volk fühlt, dass wir für bestimmte Werte kämpfen: für Demokratie, für Veränderung, für eine andere Weltanschauung, die in unserer Region früher nicht existierte.

29.11.2016 Neue Zürcher Zeitung

Bachtyar Alis Roman «Der letzte Granatapfel» ist beim Unionsverlag erschienen

Quelle: https://www.nzz.ch/feuilleton/buecher/bachtyar-ali-autor-aus-irakisch-kurdistan-normalitaet-haben-wir-nie-gekannt-ld.131202

 

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