Yusuf Yesilöz: Hochzeitsflug

Das Leben der Anderen

In Yusuf Yesilöz‘ neuem Roman „Hochzeitsflug“ scheitert eine türkische Familie an der Homosexualität ihres Sohnes

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Beyto liebt Manuel, und er tut dies seit Jahren heimlich. Seine bisherigen Versuche, die Eltern in ein Gespräch über seine sexuelle Orientierung zu verwickeln, sind allesamt gescheitert. In der Bischofstraße ist man vor allem mit der Existenzsicherung in der Fremde beschäftigt: Es dreht sich alles um den Kebab-Laden und den Gewinn, den er abwirft. Bevor einem nachts vor Müdigkeit die Augen zufallen, taucht man noch in die bunte Welt des kargen tscherkessischen Heimatdorfes ein. Dann ist stets vom stolzen Beyto-Geschlecht und vom Respekt die Rede. Die Sehnsüchte und Ängste des pubertierenden Sohnes bleiben außen vor.

Als die Familie nach langer Zeit endlich wieder in die Türkei fliegt, ahnt Beyto noch nicht, welche Wendung sein Leben bald nehmen wird. Trotz Vorbehalten gegen die Reise fühlt er sich im Dorf, in dem er bis zu seinem achten Lebensjahr lebte, auf Anhieb wohl. Doch was er nicht weiß: Der königliche Empfang gilt dem Bräutigam und seinen Eltern, denn Beyto muss seine Cousine Sahar heiraten. So wollen es die Traditionen, so will es die Familie.

Yusuf Yesilöz, der 1964 in einem kurdischen Dorf in Mittelanatolien geborene und im Schweizer Winterthur lebende Schriftsteller, Filmemacher und Kolumnist, zeichnet in seinem Roman einen dem westlichen Alltag in vieler Hinsicht fernen dörflichen Mikrokosmos. Die detailreichen Schilderungen der Traditionen und Bräuche wecken schon dadurch Interesse, dass sie den Wunsch der Eltern, auch in der Fremde ein Teil dieser „alten und klar strukturierten Kultur“ zu bleiben, nachvollziehbar machen. Der Unmut der Rezensentin über das eingangs klischeehafte und unzeitgemäße Bild des „Gastarbeiters“ legt sich – von nun an sind die Protagonisten in ihrem Element und als Individuum erkennbar.

Hier zeigt der Roman allmählich auch seine Schwächen. Denn auf die existentielle Erschütterung, die eine erzwungene Heirat für einen 18-Jährigen bedeutet, reagiert Beyto überraschend halbherzig. Die Beherrschung verliert er nur einmal, und selbst das hinter geschlossenen Fenstern. Er irrt einsam im Dorf herum, findet immer neue Ausreden für das Verhalten seiner Eltern, ohne sich mit der eigenen Situation über ein falsch verstandenes Pflichtbewusstsein gegenüber der Sippe, seiner in Europa hart arbeitenden Eltern oder seiner liebenswürdigen Cousine, die als „geschändete Frau“ zurückbleiben müsste, hinaus auseinanderzusetzen. Als ihm sein Vater mit der Verbrennung der Reisedokumente und dem türkischen Militär droht, willigt er stillschweigend in die Ehe ein. Zwar ist in ihm „alles schwarz, das Leben sinnlos geworden“, doch leidet er in den Augen des Lesers irritierend diszipliniert.

Einmal in die Sache hineingeschlittert, lässt sich Beyto treiben: Er macht bei den Heiratsbräuchen mit, mischt sich ab dem zweiten Tag unter die Feiernden und vergisst für Momente, dass er dieses Fest gar nicht wollte. Die Ehe wird – fast würde man meinen, ohne zu wissen wie – vollzogen. Die Schweiz taucht als Denkhorizont, als wären mit dem fehlenden Handyempfang auch die kulturellen Bezüge von zehn Jahren Sozialisation gekappt worden, nicht auf. Dass sie die Freiheit bedeutet, für die man nur drei Wochen durchhalten muss, entpuppt sich letztendlich auch als Selbsttäuschung.

Denn erst dorthin zurückgekehrt, wird Beytos Einsamkeit in ihrem vollen Ausmaß fassbar. Da er einem klärenden Gespräch mit Manuel zu lange ausweicht, fordert dieser umso hartnäckiger, sein Freund solle sich endlich outen, ohne dabei den Druck, der von seiner anderen kulturellen Zugehörigkeit ausgeht, zu berücksichtigen. Doch in der Sprache, in der man, wie Yesilöz an einer Stelle des Romans schreibt, „für den Respekt oder die Aufrichtigkeit mindestens zehn Begriffe kannte“, gibt es keine „freundliche[n] Worte über Schwule“. Während seine Eltern mit dem Nachzug der Schwiegertochter beschäftigt sind, ist Beyto schon vom Gedanken verheiratet zu sein überfordert. Wie sollte er, fast noch ein Kind, die zu einem solchen Geständnis nötige Kraft aufbringen?

Lediglich bei seiner Ausbildungsleiterin, die sich in jungen Jahren wegen einer ungewollten Schwangerschaft in einer vergleichbar verzwickten Lage befand, findet er Verständnis. Auch als er sich schließlich sowohl der Familie als auch den Freunden entzieht und sich ins Ausland absetzt, hält sie noch zu ihm. Dort kommt es Monate später auch zu einer Aussprache mit dem geläuterten Manuel, der sich damals mutiger wähnte, als er tatsächlich war. Er erzählt ihm auch, auf welche beschämende Weise Beytos Vater vom Geheimnis seines Sohnes erfuhr.

Yusuf Yesilöz lässt seinen Helden in seinem Roman „Hochzeitsflug“ lange zwischen Ohnmacht und wechselndem Zugehörigkeitsgefühl schwanken, ohne ihm eine reelle Chance auf einen eigenen Standpunkt zwischen den verhärteten Positionen der Aufnahme- und der Herkunftskultur der Eltern zu geben. So schnörkellos wie der Erzählton des Romans kommt folglich auch Beytos abschließendes Urteil über seine erste Liebe daher: „Wir waren unerfahren, kannten die Tricks der Welt nicht, waren mit dem Ganzen überfordert.“

Dass persönliche Zufriedenheit für ihn langfristig, so evoziert seine Flucht, nur außerhalb der herkömmlichen Strukturen denkbar ist, lässt wenig Hoffnung auf eine gesellschaftliche Entwicklung, die von gegenseitigen kulturellen Lernprozessen geprägt ist. Der Umgang mit Homosexualität zeigt, so auch wohl die Botschaft des Autors, das Entwicklungsstadium einer Kultur, den Grad, wie man anderes toleriert.

Monika Stranakova

Quelle: http://literaturkritik.de/id/15424

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