Johann Holzner: Märchen und Bilder aus Kurdistan

Zu Yavuz Ekincis Erzählung „Der Tag, an dem ein Mann vom Berg Amar kam“

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„Der Schatten eines Adlers mit ausgebreiteten Flügeln und vorgerecktem Haupt glitt vom Berge Amar her über die Felswände, über sonnenerhitzte Steine, über Eichenbäume, verdorrte Gräser, hochgeschossenes Geäst, sattgrünes Blattwerk und fiel auf den Stutenkopffelsen.“ Der erste Satz von Yavuz Ekincis Erzählung Der Tag, an dem ein Mann vom Berg Amar kam entwirft ein Bild, in dem eine archaische, offenbar noch immer unberührte Natur aufgerufen wird, festgehalten von einem Beobachter, der den Berg Amar ständig im Blick zu haben scheint. So ist denn auch hier nicht die Rede von einem erträumten, sondern von einem realen, ganz konkreten Ort: von der Landschaft zwischen dem Berg Amar und dem Stutenkopffelsen nämlich. Überdies ist von Anfang an kaum zu übersehen, dass in dieser Momentaufnahme alles andere als eine Idylle nachgezeichnet wird. Denn vor dem näher und näher kommenden Schatten eines Adlers flieht und rettet sich, wer kann.

Was sich angesichts solcher Bedrohung in der Welt der Tiere abspielt, schildert der Erzähler mit der denkbar größten Gelassenheit, ganz ungerührt – der Tod ist ja doch nicht aufzuhalten. Aber mit derselben Ruhe, als wäre er an allen von ihm registrierten Konstellationen unbeteiligt, schildert er dann auch, was sich in der Ortschaft zuträgt, die am Abhang des Berges Amar liegt: Die Menschen verhalten sich, sobald es gefährlich wird, kaum anders als die Tiere, so, als hätten sie ihr Leben, ihre Zukunft nicht selber in der Hand.

Das Walnusstal, der Schauplatz des Geschehens, war einmal, so heißt es, ein „Ort voller Geheimnisse“.  Ein Ort, um den sich zahllose Legenden ranken, Märchen wie jenes von Amar und Sara, die auf der Flucht vor dem allmächtigen Mir von Samira von dem weit weniger mächtigen Mir von Garzan aufgenommen und (obgleich die Notabeln ihm anderes raten) beschützt und schließlich ins Walnusstal geführt werden und dort glücklich und zufrieden leben; und „wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.“

Dieser „Ort voller Geheimnisse“, voller schöner wie auch schrecklicher Mysterien aus grauer Vorzeit, liegt indessen mittlerweile am Rande einer Welt, in der die alten Geschichten ihren Reiz verloren haben. Die Kinder schauen lieber Cowboy-Filme. Die Alten aber starren nach wie vor auf ihren Berg, den Amar, in der Erwartung, dass „sie“ endlich kommen, „sie“, die Übermächtigen: „Sie zünden die Häuser an. Sie verbrennen alles.“ Der Erzähler, der sich schon bisher sehr zurückgehalten hat, tritt am Ende ganz zurück. Er lässt die Figuren selbst zu Wort kommen; er überlässt es ihnen, zu verraten, dass sie sich alle mutlos in ihr Schicksal ergeben.

Einen (ersten) Kommentar liefert einzig und allein die Struktur der Erzählung, vor allem das Schlussbild, das noch einmal das Walnusstal, die inzwischen verwüstete, verbrannte Ortschaft zeigt, einen Ort, in dem es keine Geheimnisse mehr gibt. Das Bild sagt alles. Der kurdische Autor Yavuz Ekinci, Jahrgang 1979, vertraut auf eine Erzählstrategie, die nüchtern aber akkurat absteckt, was passiert, wenn der seinerzeit schon von Heraklit beschworene Vater aller Dinge von allen Seiten als der Weisheit letzter Schluss gesehen wird; und so gelingt ihm eine ganz und gar zauberhafte, fesselnde und aufrüttelnde Erzählung.

Johann Holzner

Quelle: http://literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=23043

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