Andreas Mösli: Im Exil hat er die Worte gefunden

sekk.jpg

„Die Schweiz könnte ein Vorbild für die Türkei sein“, sagt Yusuf Yesilöz. Der kurdische Schriftsteller aus Winterthur hat soeben sein drittes Buch in deutscher Sprache veröffentlicht.

„War meine Mutter aus irgendeinem Grund zornig auf mich, so sagte sie jeweils mit ernster Miene, dass sie schon seit meiner Geburt ihre Schwierigkeiten mit mir habe.“

Aus: „Steppenrutenpflanze“.

Yusuf Yesilöz erzählt in seinem neuen Werk die Geschichte von einem Jungen, der in den 60er- und 70er-Jahren in einem kleinen Dorf in der Türkei aufwächst. Es ist die Geschichte einer kurdischen Kindheit – der Kindheit des 36-jährigen Autors, der 1987 als politischer Flüchtling in die Schweiz gekommen ist. Yesilöz‘ Streifzüge durch den Dorfalltag lassen in „Steppenrutenpflanze“ eine Kultur lebendig werden, die es im türkischen Staat nicht geben darf.

Schriftsteller erst in der Fremde

„Die offizielle Türkei hat panische Angst vor der kurdischen Identität“, sagt Ysilöz. Wer sich mit ihm unterhält, merkt rasch: Der Mann ist kein Phrasendrescher und auch kein polternder Agitator. Seine Meinung zur PKK, zu Öcalan und zum bewaffneten Kampf ist differenziert, und von der Schweiz sagt er, sie könnte mit ihrer demokratischen Tradition und den vier Landessprachen ein Vorbild sein für die Türkei. Sich selber bezeichnet Yesilöz nicht als Schriftsteller oder politischen Autor, sondern als kurdischen Kulturschaffenden.

Mit Schreiben angefangen hat Yusuf Ye|8silöz erst im Schweizer Exil. „Wer in einer fremden Kultur lebt, hat immer auch das Bedürfnis, von seiner eigenen zu erzählen.“ Zudem könne er so die Sehnsucht nach seiner alten Heimat verarbeiten, die er nicht besuchen darf, und die mit den Jahren immer mehr aus seinen Gedanken entschwindet. „Ich lese zwar jeden Tag türkische und kurdische Zeitungen und informiere mich im Internet. Doch ich merke, dass mich Themen aus der Türkei immer weniger interessieren und jene aus der Schweiz immer mehr.“

Yesilöz ist hier zu Lande wohl der einzige kurdische Autor, der seine Geschichten auf Deutsch schreibt. Für ihn, der mit einer Schweizerin verheiratet ist und mit ihr eine Tochter hat, ist das selbstverständlich. „Ich lebe hier und verwende die deutsche Sprache heute mehr als die kurdische.“

Die Stärken seiner Erzählungen liegen in den Bildern, weniger in den Textkompositionen oder sprachlichen Finessen. Da sind schon mal Kompromisse nötig: „Wenn ich in einer Geschichte eine Blume beschreibe, dann muss ich im Wörterbuch nachschauen.“

Drei Wochen im Gefängnis

„Steppenrutenpflanze“ ist eine typische Erzählung für den kurdischen Schriftsteller, der seinen Lebensunterhalt als Übersetzer verdient: Schon in seinen ersten beiden Werken verarbeitete er Erinnerungen und selber Erlebtes: Die sprachliche Diskriminierung, die politische Verfolgung oder seine Verhaftung vor vier Jahren.

„Gayrettepe! Meine Angst vor Folter wuchs. Zu oft hatte ich in den letzten Jahren gelesen, dass dort Menschen bei der Folter umgebracht worden waren. Der Presse hatte man anschliessend bekannt gegeben, die Betroffenen hätten sich erhängt oder seien an Herzversagen gestorben.“ Aus: „Vor Metris steht ein hoher Ahorn – Haftbericht eines politischen Gefangenen“.

Es geschah im Sommer 1996: Yesilöz ist zu dieser Zeit bereits Doppelbürger und auf dem Weg in sein Heimatdorf, um seine Familie zu besuchen. Doch schon am türkischen Zoll wird er trotz seines Schweizer Passes verhaftet. Wegen Separatismus, wie es heisst. Yesilöz hatte in seinem kleinen Verlag Ararat in der Schweiz ein Büchlein über kurdische Literaturgeschichte veröffentlicht. Eine Schrift, die in der Türkei legal erhältlich war. Nach drei Wochen Gefängnis kommt er wieder frei – dank seinem Anwalt und nach Protesten aus der Schweiz.

Der Haftbericht ist eine Art Tagebuch. Die Verarbeitung einer Zeit voller Angst und Ungewissheit, aber auch eine Pflicht, sagt Yesilöz. Er habe im Gefängnis so viele Leute angetroffen, die willkürlich verhaftet worden seien. „Sie alle baten mich: «Erzähl draussen von uns».“

Nach der Entlassung aus dem Gefängnis liess er es sich trotz der Repressionen nicht nehmen, seine Familie zu besuchen. „Ich habe gesehen, dass vieles im Dorf noch so war wie früher.“ Für Yesilöz war das auch ein Zeichen, dass die kurdische Kultur nicht so einfach unterdrückt werden kann. Diese Eindrücke nach zehn Jahren im Exil waren es auch, die ihn zu seiner neusten Erzählung bewogen haben.

Von Andreas Mösli, Tages-Anzeiger; 24.03.2000

Quelle: http://www.yesiloez.ch/yes/index.php/rezensionen/68-im-exil-hat-er-die-worte-gefunden

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s