Mein Gorki – Erfahrungen mit einem Forschungsgegenstand

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Der Schriftsteller Maxim Gorki war im Rahmen meiner mehr als vierzigjährigen Tätigkeit in der slavistischen Literaturwissenschaft nie ein Forschungsgebiet unter anderen, er war ‚mein Gorki‘ im wörtlichen Sinne, ein persönlicher, in der ersten Zeit fast ein heimlicher Gegenstand meiner wissenschaftlichen und privaten Interessen. Heimlich in dem Sinne, dass ein erklärtes Interesse an diesem Autor der wissenschaftlichen Karriere nicht unbedingt förderlich war. Das Gorki-Bild der westdeutschen Slavistik war bis in die 60-er Jahre weitgehend vom Kalten Krieg geprägt. Gorki, der Vater des sozialistischen Realismus, gehörte der sowjetischen Propaganda (einschließlich ihrer Filialen in der DDR und den Ländern des Ostblocks), und dort wollte man ihn auch lassen, denn er war – so die vorherrschende Meinung – einfach ein schlechter Schriftsteller. In den Lehrprogrammen der russischen Literaturgeschichte begegnete der Autor der „Mutter“, wenn überhaupt, so nur in dieser Bewertung. Sich anders mit Gorki zu beschäftigen, etwa so wie mit Dostojewski oder Tolstoi, konnte eigentlich nur auf Sympathien für linke politische Positionen oder auf mangelnden literarischen Geschmack hindeuten.

Die Gegenstände meiner akademischen Arbeiten waren denkbar weit von Gorki entfernt: in der Dissertation war es die Lyrik des Philosophen Vladimir Solov’ev (Solowjew) und sein Einfluss auf die Symbolisten Aleksandr Blok und Andrej Belyj, in der Habilitationsschrift die Deutungsgeschichte des Poems „Der eherne Reiter“ von Alexander Puschkin. Gorki las ich währenddessen nur ‚privat‘, dabei aber mit einem deutlichen Bezug auf die gesellschaftliche Situation der70er-Jahren. Es war die Zeit der brodelnden Unruhe an den deutschen Hochschulen, von der ich als wissenschaftlicher Mitarbeiter besonders betroffen war, denn der sogenannte Mittelbau saß damals zwischen allen Stühlen. Einerseits sympathisierten viele der Assistenten, Lektoren, Bibliothekare usw. mit dem studentischen Protest gegen die „Ordinarienuniversität“, weil dieser Begriff für sie mehr als ein Schlagwort war, nämlich täglich erfahrene Realität; andererseits fühlten dieselben Menschen sich oft abgestoßen von der groben Schwarz-Weiß-Malerei der Flugblätter und der Gewaltbereitschaft mancher Gruppen, die in Demonstrationen, „Sprengung“ von Lehrveranstaltungen, Institutsbesetzungen und ähnlichen Aktionen zum Ausdruck kam. Nicht selten wurden die Mitarbeiter selbst zum Ziel der Angriffe, weil sie sich angeblich unsolidarisch verhielten, opportunistisch die Sache der Obrigkeit vertraten u.a.m.

Die Folge war, dass ich diese Situation wie viele meiner Kollegen nicht nur als das erlebte, was sie wirklich bedeutete, nämlich als einen Prozess längst fälliger und notwendiger Umgestaltungen des deutschen Universitätslebens, sondern auch als eine Welle fortwährender Angriffe auf meine persönliche Freiheit und Unabhängigkeit, auf meine Denkweisen und Lebensgewohnheiten, kurz – auf meine Person.

Was hatte mir in dieser Situation ein Schriftsteller wie Maksim Gorki zu sagen? Gehörte er nicht mit seiner gesamten Persönlichkeit und seinem Lebenswerk auf die Seite der „Angreifer“, der Feinde der Freiheit und der Persönlichkeit im Namen des „Volkes“ und der Revolution? Nein, so einfach steht es nur mit dem ‚sowjetischen‘ Gorki, nicht mit dem wirklichen! Das beweist vor allem sein Abschiedswerk „Das Leben des Klim Samgin“, das mich in den 70er Jahren in seinen Bann zog, und zwar gerade deshalb, weil es vieldeutig ist und in gewisser Weise irritierend auf den Leser wirken muss. Konzipiert als ein historischer Roman, der den unaufhaltsamen Vormarsch der revolutionären Bewegung von etwa 1880 bis zur Oktoberrevolution beschreibt, bietet es in einer gegenläufigen Abwärtsbewegung die Lebensgeschichte des Intellektuellen Klim Samgin, der sich zunächst von der Dynamik der revolutionären Bewegung angezogen fühlt, dann aber zunehmend von ihr Abstand nimmt und als ihr erklärter Feind endet. In der Hauptfigur, die das Romangeschehen als permanent gegenwärtiger Beobachter und Kommentator begleitet, wollte Gorki den Typus eines „Revolutionärs auf Zeit“ darstellen, einen Mitläufer, dessen moralische und politische Unzuverlässigkeit in seinem bürgerlichen Individualismus wurzelt. Soweit war dieses Konzept mit der stalinistischen Ideologie der dreißiger Jahre im Prinzip kompatibel. Und doch war es für die Zeitgenossen offensichtlich, dass dieses Konzept aus der Sicht der Partei eigentlich ein Missgriff, eine völlig unzulässige perspektivische Verzerrung des historischen Wahrheit war. Die Revolution erschien in der Wahrnehmung dieser „leeren Seele“ (so der anfangs vorgesehene Untertitel) eher als ein chaotischer denn als ein gesetzmäßiger Prozess: Samgin sieht sich in eine Welt versetzt, in der alle Maßstäbe ins Wanken geraten sind, er sieht sich von „erklärenden Herren“ bedrängt, Propagandisten aller Couleur, die ihm ihre Ansichten aufzuzwingen versuchen, er fühlt sich „verschüttet“ unter dem „Staub fremder Worte“, moralisch erpresst sowohl von den Revolutionären als auch von der Geheimpolizei. Auf dieser Ebene verringert sich unausweichlich der Abstand zwischen dem „negativen“ Helden und seinem Autor Gorki, der hier zweifellos eigene Erfahrungen verarbeitet hat. Es gibt gute Gründe dafür, den Roman als einen künstlerischen Misserfolg zu bewerten, denn Gorki hatte keineswegs die Absicht, seinen Helden als ein Opfer dieser Verhältnisse dem Mitgefühl des Lesers zu empfehlen. Dennoch gibt es viele Zeugnisse dafür, dass Leser des Romans in der sowjetischen Zeit eben dieses Mitgefühl mit dem Helden entwickelt haben, mehr noch, dass sie das Gefühl hatten, einen verbotenen Text zu lesen. Ein solches Lesen gegen den Strich, d.h. gegen die erklärte Autorintention, funktionierte, wie ich bezeugen kann, auch unter ganz anderen Umständen: im Deutschland der 1970er Jahre.

So erklärt es sich, dass mein erster öffentlicher Auftritt zum Thema Gorki dem „Klim Samgin“ gewidmet war. Es handelte sich um einen Vortrag auf dem X. Internationalen Slavistenkongress 1988 in Sofia. Es ging dort um die Gattungsmerkmale des europäischen Bewußtseinsromans, die dieses bis heute kaum beachtete Werk mit weit bekannteren Beispielen der Gattung verbinden, darunter Thomas Manns „Zauberberg“ und Robert Musils „Mann ohne Eigenschaften“. Es scheint mir heute, dass dieses Thema eines ‚neuen‘ und das heißt vor allem eines ‚häretischen‘ Gorki gut in die Atmospäre des Kongresses in Sofia passte, die den Teilnehmern durch die deutlichen Anzeichen eines geistigen Umbruchs in Osteuropa in Erinnerung geblieben ist. Die Autoritäten der sowjetischen Gorki-Forschung und auch ihre Kollegen aus der DDR waren vollzählig vertreten, aber sie beherrschten die Diskussion nicht mehr so unangefochten wie früher. Dennoch war die Resonanz auf meinen Vortrag eher schwach. Die sowjetischen Gorki-Forscher waren zufrieden, dass ihr Autor überhaupt zur Sprache kam, die Mehrheit der Kongressteilnehmer war verständlicherweise an anderen Autoren interessiert: etwa an Boris Pasternak, Vasilij Grossman, Andrej Platonov u.a., deren Werke um diese Zeit, auf dem Höhepunkt der Perestrojka, zu den sowjetischen Lesern „zurückkehrten“ (wie es in der russischen Kritik hieß, obwohl sie nur im Westen erschienen waren). Bei Gorki ging es gerade umgekehrt darum, den kanonisierten sowjetischen Klassiker gewissermaßen aus der russischen Literatur zu verabschieden. Dass auch er eigentlich zu den „Rückkehrern“ gehörte, war um diese Zeit noch kein Thema.

Auch in meinen weiteren Beiträgen zu Gorki (Vorträgen, Zeitschriftenaufsätzen und einer kleinen Monographie (1994)) habe ich mich bemüht, auf den ‚anderen‘ Gorki aufmerksam zu machen, gewissermaßen die Rückseite des sowjetischen Gorki-Denkmals zu zeigen, die zugleich auch die Rückseite des im Westen verbreiteten Bildes von einem mittelmäßigen, langweiligen Traditionalisten ist, der sein Überleben in der Literaturgeschichte nur seiner politischen Karriere verdankt.

Dieser andere Gorki ist eher ein Anarchist als ein geradliniger Revolutionär, das Wort „Mensch“ klingt in seinem Munde nicht „stolz“ wie in der bekannten Parole aus dem Drama „Nachtasyl“, es bezeichnet ein eher schwaches und jedenfalls „seltsames“ Wesen, und die „Wirklichkeit“ ist kein Paradeplatz, auf dem die Massen zur Sonne und zur Freiheit marschieren, sondern eher eine unsichere, brüchige Oberfläche, auf der der Mensch sich mit Vorsicht bewegen muss.

Ich behaupte nicht, dass dieser andere Gorki der einzige oder der ‚wirkliche‘ sei. In Gorkis Leben und ebenso in der Geschichte seiner Rezeption regiert der Widerspruch – und das macht den Umgang mit diesem Autor reizvoll und spannend. Man kann sich als Forscher und Kritiker nie einfach auf die geprüfte und unanzweifelbare Autorität eines ‚Klassikers‘ berufen wie bei Dostojewski, Tolstoi oder Tschechow. Gorki ist umstritten und wird es bleiben. Wer sich auf ihn einlässt, wird manchmal auch von Zweifeln an dieser allzu ‚bunten‘ Persönlichkeit befallen, Zweifeln an der Persönlichkeit des Künstlers, mehr noch an der Persönlichkeit des Politikers Gorki. Aber man erlebt auch immer wieder positive Überraschungen mit ihm, vor allem in der Begegnung mit den zahllosen „interessanten Menschen“, die ihm auf seinem Lebensweg begegnet sind und die ihre Spur in seinem Werk hinterlassen haben.

Einige (nicht viele) Vertreter der westlichen Literaturwissenschaft teilen mein Interesse an Gorki. Ich nenne nur den norwegischen Slavisten Keir Kjetsaa, der die einzige auf dem Markt befindliche seriöse Gorki-Biographie geschrieben hat (deutsche Übers. „Maxim Gorki. Eine Biographie“, 1994). Auch in Russland gibt es einige wenige Kritiker (ich nenne nur Pavel Basinskij), die sich um Aufmerksamkeit für den ‚anderen‘ Gorki bemühen. Komplizierter ist die Lage in den alten Zentren der Gorki-Forschung, im Gorki-Archiv in Moskau und auf den regelmäßig stattfindenden Gorki-Konferenzen in Nizhni Novgorod. Die Fortsetzung der Arbeit an der akademischen Werkausgabe, die jetzt bei Band 11 (2004) der auf 24 Bände angelegten Serie „Briefe“ angelangt ist, kann den Mitarbeitern des Gorki-Zentrums nicht hoch genug angerechnet werden, denn die materiellen Bedingungen sind miserabel. Dasselbe gilt für die Fortsetzung der Gorki-Konferenzen (Gor’kovskie chtenija) in der Heimatstadt des Schriftstellers. Auch dort gibt es viele interesssante Beiträge zu dem unbekannten Gorki. Dennoch fällt es einem großen Teil der Organisatoren und Teilnehmer, vor allem unter den älteren Gorki-Forschern, sichtlich schwer, sich von dem kanonischen Bild des Klassikers in der Sowjetzeit und von der Sprache der uneingeschränkten Verehrung zu lösen. Das zeigt sich besonders in den Reaktionen auf die kritischen, zum Teil scharfen Urteile über Gorkis Rolle in der Stalin-Zeit. Hier neigen viele zu der Ansicht, Gorki sei nur ein Opfer von Manipulationen Stalins und überhaupt ein Opfer der Verhältnisse geworden. Der Streit um diese Frage hat sich besonders an dem kürzlich veröffentlichten Briefwechsel zwischen Gorki und Stalin entzündet. Die Gorki-Verteidiger verweisen hier auf die unabhängige und (natürlich in Grenzen) kritische Position des Briefschreibers gegenüber dem Diktator, sie sehen aber nicht, dass eben in dieser freigewählten Solidarität auch eine persönliche Mitverantwortung des Schriftstellers für die Verbrechen des Stalin-Regimes begründet ist. Ihm dies vorzuwerfen, bedeutet keine Verunglimpfung seines Andenkens. Im Gegenteil: die Anerkennung einer Schuld, eines Verrats Gorkis an den Menschen seiner Zeit und auch an der eigenen Vergangenheit ist die unerlässliche Voraussetzung für den Versuch, das Bild dieses Schriftstellers in seiner ganzen Komplexität wiederherzustellen oder es neu zu finden. Diese Ansicht habe ich in einem Vortrag auf der Gorki-Konferenz 2002 in Nizhni Novgorod vertreten. (Vgl. dazu den Beitrag Eine schwere Schuld – Gorki und Stalin in der Rubrik Streit um Gorki auf diesen Seiten.)

‚Mein Gorki‘ – das ist eine Persönlichkeit voll tiefer Widersprüche, und ich kann Kritiker verstehen, die ihm „Größe“ absprechen. Ja, er war auch und nicht zuletzt ein schwacher Charakter, keineswegs ein Heroe und unbeugsamer Verfechter seiner Überzeugungen. Aber er war ohne jeden Zweifel eine bedeutende und für das vergangene Jahrhundert eine zutiefst aufschlußreiche Persönlichkeit. Und nicht zuletzt war und ist er ein „interessanter“ Schriftsteller.

Beiträge des Verfassers zu Maxim Gorki (Auswahl):

Maksim Gor’kij: Das literarische Werk, München 1994 (Quellen und Studien zur russischen Geistesgeschichte, Hrsgg.: L. Müller u. R.-D. Kluge, 13)

Der Autor und sein Held. Maksim Gor’kijs Roman „Zhizn‘ Klima Samgina“ im Kontext des modernen europäischen Romans. In: Zeitschrift für Slavische Philologie, Bd. XLVIII, 1988, S. 140-153 (Vortrag auf dem X. Internationalen Slavistentag 1988 in Sofia.)

Chekhov und Gor’kij. Fortsetzung der Chekhov-Tradition in Gor’kijs Erzählungen nach 1910. In: A.P. Chekhov. Werk und Wikrung. Vorträge und Diskussionen eines internationalen Symposiums in Badenweiler im Oktober 1985, hrsg.v. R.-D. Kluge, Wiesbaden 1990 (Opera Slavica, NF 18), S. 837-859

Gor’kij – ein Surrealist? Zu einer Ikonographie des Phantastischen im späten Erzählwerk. In: Zeitschrift für Slawistik, Bd. 36, 1991, S. 196-206 (Teil 1), S. 593-600 (Teil 2)

Prometheischer Menschenkult und Misanthropie – Das Chekhov-Bild Gor’kijs. In: Anton P. Chekhov – Philosophische und religiöse Dimensionen im Leben und im Werk. Vorträge des Zweiten Internationalen Chekhov-Sympoiums. Badenweiler, 1994, hrsg.v. V.B. Kataev, R.-D. Kluge, R. Nohejl, München 1997, S. 99-109

Von Makar Chudra zu Klim Samgin : Schwierigkeiten mit Gor’kij. In: Erzählen in Russland, hrsg. v. R. Herkelrath, Frankfurt a.M. u.a. 2000, S. 97-106 (Vortrag auf einem Kolloquium Februar 1998 an der Universität Leipzig)

Vorträge in russischer Sprache auf Konferenzen in Nizhni Novgorod:

Obraz Mariny Zotovoj i problema religioznogo soznanija v romane M. Gor’kogo „Zhizn‘ Klima Samgina“[Die Gestalt der Marina Zotova und das Problem des religiösen Bewusstseins in Gorkis Roman „Das leben des Klim Samgin“]. In: Gor’kovskie chtenija 1995 g., N.N. 1996, S 22-32

Klim Samgin i Jurij Zhivago: problema lichnosti v romanakh M. Gor’kogo i B. Pasternaka [Klim Samgin und Jurij Schiwago: das Problem der Persönlichkeit in den Romanen Gorkis und Pasternaks] In: Maksim Gor’kijna poroge XXI stoletija. Gor’kovskie chenija 1998 god, T. 1, N.N. 2000, S. 56-67

Novyj ili „vechnyj“ Gor’kij? O problemakh reinterpretacii lichnosti i tvorchestva pisatelja [Der neue oder der „ewige“ Gorki? Über die Probleme der Reinterpretation der Persönlichkeits und des Werks des Schriftstellers]. In: Maksim Gor’kij i literaturnye iskanija XX stoletija. Gor’kovskie chtenija 2002, N.N. 2004, S. 22-34

Kategorie: Streit um Gorki

Quelle: http://www.der-unbekannte-gorki.de/index.php?e=1

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