Stefan Weidner: „Die Stadt der weißen Musiker“/ Die Sprache der zehn Millionen

Bachtyar Ali, die weltliterarische Stimme aus Kurdistan, hat einen großen Roman über die Kunst und die Versöhnung geschrieben.

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Wie ein Phönix aus der Asche des Exils ist der kurdische Schriftsteller Bachtyar Ali mit seinem Roman Der letzte Granatapfel im deutschsprachigen Raum 2016 plötzlich bekannt geworden. Das Buch schildert die Suche eines aus der Haft entlassenen Vaters nach seinem Sohn und ist zugleich eine Reise durch die versehrten Seelenlandschaften Kurdistans, durch ein von Krieg, Bürgerkrieg und Diktatur zerstörtes Land. Bachtyar Ali gelang, woran viele Autoren aus Krisenregionen scheitern: die Gewalt zu schildern, ohne ihrer Ästhetik zu erliegen oder sentimental zu klingen.

Der 1966 in Sulaimaniya im kurdischen Teil des Nordirak geborene Autor, der seit den neunziger Jahren in Deutschland lebt, schreibt auf Sorani, der südöstlichen Variante des Kurdischen. Kaum zehn Millionen Menschen verständigen sich in dieser Sprache, viele von ihnen sind Analphabeten. Aber Ali ist in seiner Heimat so berühmt, dass er von seinem Schreiben leben kann. Mangels Literaturübersetzern aus dem Sorani sind seine beiden auf Deutsch vorliegenden Romane von begeisterten kurdischen Lesern übersetzt worden. Dank sorgfältigem Lektorat kann sich das Ergebnis mehr als sehen lassen. Gerade hat Bachtyar Ali dafür den Nelly-Sachs-Preis der Stadt Dortmund verliehen bekommen.

Die Stadt der weißen Musiker hat alle Qualitäten des Vorgängerromans und bestätigt den Eindruck, dass es sich bei dem Kurden um eine Ausnahmeerscheinung handelt, dass er ein Autor ist, dessen Ecken, Kanten und erzählerische Verrücktheiten noch von keinem Literaturbetrieb abgeschliffen sind. Sucht man nach einem Vergleich für sein neues Buch in der deutschen Literatur, so fällt einem nur Thomas Manns Doktor Faustus ein. Aber wie anders, wie viel lebendiger und zugleich trauriger ist dieser kurdische Adrian Leverkühn!

Es handelt sich also um einen Künstlerroman, ein Buch über Literatur und Musik, Dichtung und Wahrheit angesichts einer nahezu unerträglichen Welt. Aber es ist auch ein Roman über die Liebe, die Gerechtigkeit, ein Epitaph für die Opfer der kurdischen Kriege und ein Manifest für die Kraft der Poesie und des Lebens. Der Autor Ali Scharafiar, so der Plot, wird damit beauftragt, das Leben von Dschaladati Kotr aufzuzeichnen, einem einfachen Flötenspieler, der im Lauf seines Lebens zu einem Mythos geworden ist. Seine Geschichte wird abwechselnd von Dschaladati selbst und vom Autor erzählt. Natürlich streiten sich die beiden ständig darüber, wie dieses Leben am besten darzustellen ist, wahr und nüchtern, wie Dschaladati es will, oder bedeutungsvoll und geschönt, wie es Scharafiar vorschwebt.

 
 

Von den Häschern Saddam Husseins beinah umgebracht, wird Dschaladati ausgerechnet von einem der schlimmsten Mörder gerettet. Fast gelingt es diesem, mithilfe des Flötenspielers seine Untaten zu sühnen. Die Reise im Kopf des Mörders und der Privatprozess, in dem alle überlebenden Opfer über ihren Henker das Urteil sprechen dürfen, zählt zu den bewegendsten Szenen des Buchs und ist eine erzählerische Abhandlung von weltliterarischem Rang über die (Un-)Möglichkeit der Versöhnung.

Dem Tod von der Schippe gesprungen, stellt sich heraus, dass Dschaladati Kotr in der Lage ist, zwischen den Sphären von Leben und Tod, Jenseits und Diesseits, idealer und wirklicher Welt, Poesie und Realität hin und her zu wechseln. Er ist zugleich Phönix und Pan, ein Nichts und ein Erlöser, ein mythisches Zwischenwesen, dabei so realistisch geschildert, dass diese Erkenntnis erst langsam im Leser – und in Dschaladati selbst – heranreift.

 

Bachtyar Ali ist mit allen Wassern gewaschen: denen der Literatur und Literaturtheorie der Moderne, aber auch denen der ältesten Quelle aller Literatur, des Bedürfnisses, Geschichten zu erzählen, um Geschichte zu erzählen, Sinn zu stiften. „Lange bevor der Mensch Politik betrieben hat, hat er Geschichten erzählt. Lange bevor er Städte gründete und Imperien errichtete, war er ein erzählendes Wesen.“

Dschaladati Kotr, der Flötenspieler und Protagonist aus Die Stadt der weißen Musiker, heißt auch Qaqnas, der orientalische Name für den Phönix. Mit Bachtyar Alis neuem Roman erhebt sich der Glaube an Kunst und Literatur aus der Asche unserer Fantasielosigkeit und fliegt mit einem kurdisch bunten Federkleid durch die Herzen der wieder verzauberten Leser.

Bachtyar Ali: Die Stadt der weißen Musiker
Roman; aus dem Kurdischen (Sorani) von Peschawa Fatah und Hans-Ulrich Müller-Schwefe; Unionsverlag, Zürich 2017; 432 S., 26,– €, als E-Book 22,99 €

Quelle: https://www.zeit.de/2017/52/die-stadt-der-weissen-musiker-bachtyar-ali-roman

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